Mit großen Worten wurde gestern von einigen Medien das neue Format des Niedrigniveausenders RTL2 angekündigt.
Tatort Internet - Schützt endlich unsere Kinder, so der pathetische Titel des
investigativen und aufklärenden Formats, das eigentlich alles tat, nur nicht aufklären. Als prominente Gesichter gaben sich der ehemalige Hamburger Innensenator, Udo Nagel, und die Ehefrau des Verteidigungsministers, Stephanie zu Guttenberg, her, die sich damit wohl keinen großen Gefallen taten.
Die Sendung selbst lief, anders als von einigen Medien vorab geschildert, in gewohnter Manier von RTL2 ab: hektische Schnitte und Blenden, dramatische Farbfilter und reißerische Zwischenblenden. Dazu Texte, die vor Pathos trieften und selbst spekulative Aussagen unnötig dramatisierten. Schon im Einführungstext wurde das Internet als "
der größte Tatort der Welt" bezeichnet, was natürlich schonmal vollkommener Unsinn ist. Gezeigt wurden 4 Fälle, die nach Aussage der Moderatoren echt und nicht nachgestellt gewesen wären. Wenn das tatsächlich der Fall war, dann zeigte sich RTL2 in unverantwortlicher Weise unprofessionell und verursachte mehr Schaden, als die Sendung an Nutzen gebracht hätte.
Im ersten Fall schilderte man zunächst, wie sich die "Journalistin" Beate Krafft-Schöning mit ihrem Lockvogel, einer 18jährigen Schauspielerin, die sich als 13- bzw 14jährige ausgab, in einen Chat einloggte. Gleich darauf wurde den Zuschauern suggeriert, dass dieses Mädchen alle 2-3 Minuten von erwachsenen Männern angeschrieben worden sei. Da stellt sich mir gleich die Frage, bei welchem Chat das gewesen sein soll. War es eine Flirtbörse? War es ein Kinderchat? War es ein Community-Chat irgendeines Soicial Networks? Diese Frage wurde schonmal nicht beantwortet. Beim intellektuell benachteiligten Zuschauer bleibt nur hängen: Chat = böse, weil voll von Pädophilen. Hier sollte gezielt Angst erzeugt werden, indem der Eindruck erweckt wurde, dass sich in jedem Chat nur potentielle Kriminelle auf der Suche nach Kindern herumtreiben. Das ist, soviel kann ich aus mittlerweile 16 Jahren Interneterfahrung - unter anderem auch als Moderator in Chats und Foren größerer Communities - behaupten, definitiv eine völlig falsche Darstellung, die nur darauf aus ist, Angst und Schrecken unter den Menschen zu verbreiten, die sich mit dem Internet
nicht auskennen, was heute leider noch bei vielen Eltern der Fall ist.
Aber weiter:
Immer wieder wurden zeilenweise Ausschnitte aus Chats eingeblendet. Erstaunlicherweise immer erst ein Satz des mutmaßlich Kriminellen, dann die Antwort des Lockvogels. Manko: es wurden immer nur die schlüpfrigen Ausschnitte gebracht und zeitweise hatte man das Gefühl, der potentielle Bösewicht würde auf einen vorangegangenen Satz des Lockvogels antworten. Also völliges Fehlen einer Transparenz. So lässt sich vom Zuschauer weder klar erfassen, ob der Lockvogel darauf hingearbeitet hat oder ob die Männer wirklich so dummdreist aufgetreten sind. Auch wurde nicht einmal gezeigt, wie eine dieser schlüpfrigen Fragen negativ beantwortet wurde. Im Gegenteil, es wurde immer bereitwillig Auskunft gegeben. Das halte ich schlichtweg für unrealistisch. Einige dieser Fragen waren so direkt sexueller Natur, dass wohl die meisten Mädchen schreiend den Laptop zugeklappt hätten.
Der nächste Punkt: Bereits im ersten Fall wurde der Nickname des Chatters immer wieder genannt und auch in den Chateinblendungen gezeigt. Es handelte sich dabei um einen Namen mit angestellter Nummer, wie sie oft vergeben wird, wenn der Name ohne Nummer bereits vergeben ist. Ich sehe schon haufenweise Chatter, Forennutzer und Netzwerknutzer mit dem gleichen Namen vor mir, die sich in den nächsten Tagen mit Sicherheit unbequeme Fragen stellen lassen müssen und die gar nicht wissen, warum. Ganz dickes Fehlverhalten von RTL2.
Mittlerweile ist man in der Sendung soweit, dass der mutmaßliche Täter zum Haus gelockt wurde und dort von 3 Personenschützern, 2 Kameraleuten, mindestens einem Tontechniker und der Moderatorin Krafft-Schöning so unter Druck gesetzt und eingeschüchtert wurde, dass sich wohl jeder Polizist bei einem findigen Anwalt ein Disziplinarverfahren bei solchem Verhalten eingehandelt hätte.
Zum Abschluss wurde den Zuschauern noch mitgeteilt, dass man den mutmaßlichen Kinderschänder der Polizei gemeldet hätte, die nun ermitteln würde.
Und jetzt wurde es geschmacklos. Jetzt stellten sich die Moderatoren hin und malten fiktive Horrorszenarien aus, was nicht alles hätte passieren können. Angesichts dieses Themas war das weder angemessen noch hilfreich, sondern schürte nur wieder Angst bei unbedarfteren Zuschauern.
Im zweiten Fall stellte man einem mutmaßlichen Kinderschänder per Lockvogel in einem Restaurant die Falle. Hierbei handelte es sich angeblich um einen Gymnasiallehrer, verheiratet mit Kind. Hier lässt sich der mutmaßliche Kinderschänder zunächst auf ein Gespräch mit dem Lockvogel ein. Als das Mädchen dann vorgeblich zur Toilette geht, schaltet sich die Moderatorin ein, umringt den Mann mit dem ganzen Team, eröffnet ihm dann schließlich, er käme jetzt ins TV. Der Mann sagt daraufhin fassungslos nichts mehr, worauf die Moderatorin das Bohren anfängt:
"Warum reden sie nicht mit mir? Wollen sie mir nichts mehr sagen? Warum sagen sie jetzt nichts?"
Plötzlich wird die Hintergrundmusik dramatisch und die Stimme des Off-Sprechers nimmt ebenfalls einen dramatischen Ausdruck an. Anscheinend war der Mann zusammen mit einem Pärchen in dem Restaurant. Jetzt folgt ein wirrer Zusammenschnitt aus Spekulationen, vor Ort Bildern, Rekonstruktionen und der Fluchtbeschreibung des mutmaßlichen Täter-Trios.
Auch hier folgen wieder spekulative Horroszenarios und dann der schockierende Hinweis, dass die Polizei nichts machen könnte, weil der selbst der Staatsanwaltschaft das Material von RTL2 zu dünn war.
Mal ganz ehrlich: wenn das Gezeigte echt war und das Trio tatsächlich auf junge Mädchen aus gewesen wäre, so kann sich RTL2 auf eine Sache verlassen: Die wären in der Zukunft vorsichtiger und würden, falls sie tatsächlich entsprechend veranlagt sind, ihre Spuren besser verwischen. Das wäre dann eine echte Glanzleistung von RTL2.
Im dritten Fall wurde ähnlich vorgegangen, nur dass der Lockvogel den mutmaßlichen Täter in einem Straßencafé einer Fußgängerzone traf. Hier wird es etwas seltsam. Der Lockvogel gab sich als 13jährige aus, der mutmaßliche Pädophile gab sein Alter mit 20 an und wurde während der ganzen Konfrontation - wieder umzingelt von Kameraleuten, Techniker und Personenschützern, diesmal zusätzlich mit vielen Zuschauern - auf unseriöseste Art ins Verhör genommen.
Auch er wurde eingeschüchtert und in die Mangel genommen, wurde allerdings mit einem gönnerhaften
"Ich hoffe, ich treff' sie nie wieder" gnädig laufen gelassen.
Im letzten Fall wird es jetzt wirklich unverantwortlich. Ein 13jähriges Mädchen und dessen Mutter berichten darüber, wie das Mädchen sich als 12jährige dazu erpressen lassen hat, Nacktbilder zu einem angeblich 16jährigen Chatter zu schicken. Im Gegensatz zu den drei vorangegangenen Fällen kam diese Beschreibung auch realistisch rüber.
Ein Chatter brachte das Mädchen dazu, ihm ein anzügliches Bild zu schicken und erpresste es schließlich damit, das Bild mit ihrem Namen zusammen zu verbreiten, wenn sie nicht mehr schickt.
Es endete damit, dass ihre Mutter mit ihr zur Polizei ging und der Chatter sich als 35jähriger, einschlägig vorbestrafter entpuppte. Auch die Empörung der Mutter ist zu verstehen, angesichts der Tatsache, dass die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen einstellte, weil der 35jährige bereits eine weit höhere Strafe für eine härtere Straftat erwartete.
Was ich allerdings nicht verstehe ist, dass RTL2 während des gesamten letzten Beitrags das junge Mädchen ohne jegliche Anonymisierung gezeigt und interviewt hat. Bleibt zu hoffen, dass dieses Mädchen dadurch jetzt nicht genau dem ausgesetzt wird, womit sie sich hat erpressen lassen: dem Spott der Mitschüler.
In der gesamten Sendung, die ja den bezeichnenden Beisatz
"Schützt endlich unsere Kinder" trägt, wurde übrigens nicht ein einziger Tipp für Eltern gegeben. Es wurde nicht darauf hingewiesen, dass man Kinder nicht völlig unkontrolliert surfen lassen soll, es wurde nicht auf Filtermaßnahmen hingewiesen und auch die vielen vorhandenen Familien- und Kinderschutzprogramme fanden nicht ein einziges Mal Erwähnung.
Dieses Format fährt aus rein kommerziellen Gründen auf der Schiene eines ernsthaften Themas, ohne wirklich aufzuklären oder etwas zum Kinderschutz beizutragen. Stattdessen wird auf die RTL2-typische Effekthascherei gesetzt und vermeintlich spektakuläre Dramatik vor Seriösität gestellt.
Mein Fazit:
Ein absoluter Fehlschlag, der bisherige RTL2-Produktionen in keinster Weise übertrifft. Flach, pathetisch, unsachlich und denkbar ungeeignet, Eltern aufzuklären oder Kinder zu schützen. Jede weitere Sendung wäre rausgeworfenes Geld.
Ach ja, bezüglich Stephanie zu Guttenberg: Farblos, mit Standardfloskeln, die keine neuen Informationen beinhalteten. Man hätte sie auch getrost weglassen können. Schlechter wäre die Sendung dadurch auch nicht geworden.
Nachtrag
Mittlerweile gibt es auch Stimmen aus den Medien:
TV-Kritik: "Tatort Internet" Frau zu Guttenbergs Bulldozerfahrt (süddeutsche.de)
RTL-2-Show "Tatort Internet": Mit versteckter Kamera gegen Kindesmissbrauch (SpOn)
"Tatort Internet": Gepixelter Horror (FAZ.net)
"Tatort Internet - Schützt endlich eure Kinder": Fallensteller auf Pädophilenjagd (wdr.de)
TV-Kritik: "Tatort Internet - Schützt endlich unsere Kinder" startete auf RTL 2 (Stefan Niggemeier auf heise.de)
"Tatort Internet": Die Ministergattin hilft (Frankfurter Rundschau)
Viel zu reißerisch - zu Guttenberg bei RTL II (Der Westen)