Ja, ich habe es mir, wie viele andere auch, angetan. Ich habe den gesamten Schlichtungstag live verfolgt und bin heute zu nichts gekommen. Aber es hat sich gelohnt. Darum hier mal ein kurzer Gesamteindruck aus meiner Sicht:
Heiner Geißler
Der Vermittler und politische Senior zeigte sich sehr souverän und entspannte sehr oft mit kleinen Wortspielereien die Situation. Er musste zwar mehrfach Teilnehmer der S21-Befürworter in die Schranken weisen, schaffte das aber so humorvoll, dass es ihm wohl niemand übelnehmen konnte. Seine jahrelange Erfahrung als Vermittler in Arbeitskämpfen und Tarifstreits machten sich positiv bemerkbar. Besser als er hätte diesen Job aktuell wohl keiner machen können.
Volker Kefer
Der Vertreter der Bahn setzte die gesamte Zeit über auf Pokerface und versuchte, jede Emotion durch ein aufgesetztes Dauerlächeln zu überspielen. Wer ihn länger beobachtet hat, konnte aber anhand der Körpersprache erkennen, wenn er sich unwohl fühlte. In diesen Momenten fing er nämlich immer an, in seinem Stuhl vor und zurück zu wippen. Auf Seite der Befürworter war er der Souveränste.
Boris Palmer
Der Tübinger OB lieferte als Sprecher der S21-Gegner eine tadellose Figur ab. Er war sehr gut vorbereitet, seine Fragen kamen gezielt und sachlich, er geriet nie ins Stocken und legte eine Redegewandtheit an den Tag, die für jeden Zuschauer verständlich und nachvollziehbar war. So manches Mal brachte er die Befürworter in Bedrängnis, ohne sich den Erfolg jedoch in irgendeiner Weise siegessicher anmerken zu lassen. Aus diesem, vergleichsweise jungen Politiker kann noch etwas ganz großes werden. Es war eine gute Wahl, ihn als Redner gegen S21 einzusetzen.
Gangolf Stocker
Herr Stocker sprach für die
Initiative Leben in Stuttgart - Kein Stuttgart 21. Gangolf Stocker merkte man deutlich an, dass er diesen großen Presserummel nicht gewohnt ist. Er stockte häufig und wirkte sehr nervös. Trotzdem brachte er seine Bedenken über die Sicherheit des Bahnhofs verständlich und glaubhaft herüber.
Tanja Gönner
Die Verkehrsministerin fiel mir persönlich durchgehend negativ auf. Ständig kamen Zwischenrufe von ihr, sie versuchte laufend das Thema zu wechseln und wollte Heiner Geißler mehrfach bezüglich der Sitzungsordnung belehren, was jedoch immer mit einem entsprechenden Rüffel endete. Bei Twitter, wo die Schlichtung den ganzen Tag durch kommentiert und diskutiert wurde, wurden daraufhin auch schnell missmutige Stimmen laut, wann immer Frau Gönner wieder die Sitzung störte.
Stefan Mappus
Der Ministerpräsident war nur am Vormittag anwesend und glänzte durch Schweigen und missmutige Blicke. Er kam nicht aus der Mittagspause zurück.
Dagmar Starke
Die Vertreterin der Nahverkehrsgesellschaft Baden Württemberg, die für die Befürworter antrat, konnte einem fast leid tun. Nachdem sie von Heiner Geißler gleich zu Beginn darauf hingewiesen wurde, sich so so auszudrücken, dass es jeder versteht, also ohne Abkürzungen und Fachbegriffen, wurde sie zunehmend unsicher, verhaspelte sich oft, beendete Sätze häufig nicht und wirkte allgemein schlecht vorbereitet. Auf die meisten Fragen der Gegner konnte sie nicht antworten, was sie noch unsicherer werden ließ. Bei Twitter konnte man erleichterte Zuschauer lesen, die froh waren, als diese Farce beendet war.
Ich werde jetzt nicht auf einzelne Argumente eingehen, das wird in anderen Blogs und auf Nachrichtenseiten geschehen. Nur eine kutze Beurteilung des Schlichtungstages selbst möchte ich mir leisten:
Meiner Meinung nach geht die erste Runde an die S21-Gegner. Sämtliche Argumente der Befürworter konnten heute sachlich widerlegt werden oder zumindest tragfähige Alternativen aufgezeigt werden, bei denen der unterirdische Bahnhof unnötig wäre. Auf jeden Gutachter der Befürworter kam ein Gutachter der Gegner, der dessen Argumente widerlegen konnte. Einen besonders schweren Stand hatte dabei Verkehrswissenschaftler Ulrich Martin, dessen Simulationen zum Tiefbahnhof mehrfach scharf als unrealistisch kritisiert wurden und dem die Argumente irgendwann im wahrsten Sinne des Wortes den Schweiß auf die Stirn trieb.
Fazit: Die Befürworter haben die Gegner unterschätzt. Die Gegner waren extrem gut vorbereitet, besser, als die Befürworter und konnten daher in den meisten Punkten überzeugen.
Bis zum nächsten Termin vergeht jetzt eine Woche. Es ist anzunehmen, dass die Befürworter ihre Strategie bis dahin überarbeitet haben.
Ich lasse mich überraschen.
RT @Farlion: Blog up: Stuttgart 21 - mein Eindruck vom ersten #Schlichtungstag http://tinyurl.com/3y3sfep #S21 #Geißler
Aufgenommen: Okt 22, 16:34
RT @Farlion: Blog up: Stuttgart 21 - mein Eindruck vom ersten #Schlichtungstag http://tinyurl.com/3y3sfep #S21 #Geißler
Aufgenommen: Okt 22, 16:43
Trifft genau meine Einschätzung RT @Farlion Stuttgart 21 - mein Eindruck vom ersten #Schlichtungstag http://tinyurl.com/3y3sfep #S21
Aufgenommen: Okt 22, 16:48
RT @dokape: Trifft genau meine Einschätzung RT @Farlion Stuttgart 21 - mein Eindruck vom ersten #Schlichtungstag http://tinyurl.com/3y3sfep #S21
Aufgenommen: Okt 22, 17:00
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Aufgenommen: Okt 22, 17:46