Das Problem ist wie so oft nicht die Nachricht, sondern wie mit ihr umgegangen wird. Während ausgebildete Journalisten darin geschult sind, sensibel mit Daten von Personen umzugehen und Fakten zu recherchieren, steht hingegen bei Twitter die Meinung schnell fest. Der Pressekodex gilt nun einmal nur für die Presse. Und nicht für ein Medium, welches von vielen fälschlicherweise als die Zukunft des Journalismus betrachtet wird. Nur vergleichweise wenige User teilen Neuigkeiten über den Tathergang mit anderen Usern. Zynische Statements überwiegen.
Nun, zum Thema Fakten recherchieren schießt Stern.de sich hier schon das erste Eigentor. Twitter-Nutzer "Zyneasthesie" existiert nämlich gar nicht. Die richtige Schreibweise lautet nämlich zynaesthesie und wurde vom "Journalisten" Felix Disselhoff gleich mehrfach falsch geschrieben und bis heute nicht korrigiert.
Aber darauf will ich nicht hinaus. Fakt ist, dass Herr Disselhoff unseren Sarkasmus und Zynismus zwar kritisiert, die Hintergründe dazu allerdings - wahrscheinlich aus Unkenntnis - nicht annähernd richtig wiedergibt. So schreibt er beispielsweise
Dass jetzt eine mitten im Leben stehende Anwältin mehreren Menschen das Leben nimmt, bevor sie selbst erschossen wird, gibt erstmalig in Deutschland den Gegnern der Killerspieldebatte ein Argument an die Hand.
Lieber Herr Disselhoff, haben Sie die "Killerspiel-Debatte" überhaupt jemals richtig verfolgt oder auch nur die Statements der konservativen "Alles-Verbieten"-Politiker im Schnelldurchlauf konsumiert? Es wurden in der Vergangenheit zahlreiche, sehr gute und fundierte Argumente GEGEN ein Verbot angeführt. Hier von "erstmalig" zu reden, zeigt von einer journalistischen Qualität, die ich vielleicht von einem Praktikanten erwartet hätte, nicht aber von einem Journalisten, der darin geschult ist, Fakten zu recherchieren (siehe Zitat oben).
Aber kommen wir zurück zum Zynismus und Sarkasmus. Als ich meinen kritisierten Tweet
+++ Vermutlich Amoklauf in Lörrach. +++ Täter eine Frau. +++ Spielte wahrscheinlich Killerspiel "Hello Kitty Online"+++
ins Netz schickte, war noch gar nicht offiziell bekannt, dass es sich um einen "Amoklauf" handelte. Vielmehr bezeichneten zumindest die seriöseren Medien die Situation mit "unklar". Auch das scheint Herrn Disselhoff bei seiner gründlichen Recherche entgangen zu sein.
Ich habe mir jetzt mal die Mühe gemacht und die Berichterstattung von Stern.de über den Vorfall in Lörrach etwas genauer verfolgt. Was mir dabei auffiel möchte ich hier kurz anführen:
Klick-Generierung durch Thematisierung
Was mir sofort aufgefallen ist, ist die hohe Zahl der Beiträge, die sich im direkten Zusammenhang mit dem Amoklauf auf Stern.de wiederfinden. Sage und schreibe 31 Artikel mit eigenständigen Texten konnte ich alleine durch die Suchfunktion auf Stern.de ausmachen. Dazu kommt eine Befeuerung des Nachrichtentickers (Kurznachrichten) teilweise im 15 Minuten Takt mit wiederholenden Meldungen.
Das ist es, was ich persönlich zynisch und sarkastisch nenne. Hier werden, auf Basis einer Tragödie, Page Impressions generiert, die meiner Meinung nach schlicht und einfach die Werbeeinahmen hochtreiben sollen. Dass zahlreiche dieser Artikel das gleiche Subthema enthalten, spricht für meine Theorie und das nenne ich nicht nur zynisch, das nenne ich geschmackloser als alles, was bei Twitter durch die Tweets ging.
Ich zähle mal kurz auf, allerdings ohne zu verlinken, schlicht und einfach, um nicht auch noch für eine Pagerank-Steigerung mit verantwortlich zu sein.
Schlagzeilen direkt auf den Vorfall bezogen:
Vier Tote nach Amoklauf: Das Familiendrama von Lörrach (Videobeitrag)
Wohnhausbrand und Amoklauf in Lörrach: Tödliche Schüsse im Krankenhaus
Lörrach: Tote und Verletzte bei Amoklauf in Klinik
Karte: Amoklauf in Lörrach (damit auch jeder Katastrophentourist den Weg findet (sic!))
Schlagzeilen rund um das Geschehen (Augenzeugen etc.)
Hintergrund: Minutenprotokoll des Amoklaufs
Bluttat in Lörrach: "Komm raus da, komm raus da!"
Blutbad in Lörrach Bilder einer unfassbaren Tat
Extra: Patienten und Klinik-Mitarbeiter werden betreut
Schlagzeilen rund um die Täterin (Fakten und Spekulationen)
Amoklauf in Lörrach: Eine Frau im Ausnahmezustand
Amoklauf in Lörrach: Anwältin tötete Familie vor Explosion
Amokläuferin von Lörrach: Die rätselhafte Todesschützin
Bluttat von Lörrach: Amokläuferin erstickte ihren Sohn
Amoklauf in Lörrach: Kind mit Plastiktüte erstickt
Bluttat von Lörrach: Amokläuferin war eine Sportschützin
Report: Mit 300 Schuss Munition ins Krankenhaus
Schlagzeilen bezüglich der Motivsuche
Amoklauf: Suche nach Motiv läuft auf Hochtouren
Anwältin läuft Amok in Lörrach: War es ein Sorgerechtsstreit?
Amoklauf in Lörrach: Warum tötete die Rechtsanwältin? Video
Amoklauf in Baden-Württemberg: Polizei geht von Beziehungstat aus
Amoklauf von Lörrach: Staatsanwalt geht von Beziehungstat aus Video
Staatsanwalt: Amokläuferin hat ihre Familie getötet
Schlagzeilen bezüglich der Folgen
Nach Amoklauf: Diskussion über Waffenrecht
Nach Amoklauf: Debatte um schärferes Waffenrecht
Nach Amoklauf in Lörrach: Bosbach lehnt Waffenverbot ab
Deutscher Schützenbund beklagt «Generalverdächtigungen»
Überflüssige Randberichte
Amoklauf in Lörrach: Warum Frauen seltener zum Rächer werden Psychologische Begutachtung
Chronologie: Amokläuferinnen eher selten
Frauen laufen nur nach extremen Kränkungen Amok eine weitere psychologische Meinung
Das nenne ich mal kommerzielles Ausschlachten einer menschlichen Tragödie.
Lieber Herr Dusselhoff, ich bin Blogger und ich twittere. Ich bin im Internet seit nunmehr 15 Jahren bekannt für meinen Sarkasmus und meinen Zynismus und ich bin ehrlich und stehe dazu. Aber die Geschmacklosigkeit, einen solchen Vorfall kommerziell so gnadenlos auszuschlachten und sich dann auch noch über die vermeintlich bösen Internetnutzer herzumachen, das ist kein hochwertiger und gut recherchierter Journalismus, das ist geschmacklose Effekthascherei. Aber in einer Sache gebe ich dem Herren dann doch recht: Dazu sind wir Internetschreiber nun wirklich nicht in der Lage! (oder wir sind uns einfach zu gut für so ein Verhalten...)
Nachtrag:
Till Achinger hat herausgefunden, dass der gut recherchierende Herr Disselhoff weite Teile seines Textes schlicht und einfach inhaltlich kopiert hat - aus einem Artikel seines Kollegen Gerd Blank zum *Tataaa Fanfare Nummer 1* Amoklauf in Winnenden, und zwar bei *Tatataaa Fanfare Nummer 2* Stern.de.
Wäre ich der Chefredakteur des Stern-Online-Ressorts, ich würde Herrn Disselhoff mit sofortiger Wirkung zum Kaffeeholer degradieren - und selbst dafür müsste er noch Geld mitbringen, statt es zu bekommen.
Ich schließe hier mal mit der Leseempfehlung auf zwei weitere Artikel, die sich mit Stern.de in diesem Zusammenhang beschäftigen:
Von Amokläufen und Kotzorgien - weizenspr.eu
Ausgebildet und sensibel - BILDblog





http://cymaphore.net/j/54
Aus diesem Grund beachte ich die Statements dieser Frau und der Menschen aus ihrem Umfeld gar nicht mehr. Denn mittlerweile ist sie an einen Punkt gelangt, an dem sie der Frauenbewegung - die sich übrigens auch ohne sie bewegt - mehr schadet als nützt.
Eine Medien- oder sonstwie politische Relevanz hat diese Frau nicht mehr.